Schulprojekt Mobilfunk
03. September 2010
     
 

„Mobilfunk im Klassenzimmer – anstatt Handyverbot?“

Interview mit Dagmar Wiebusch, Geschäftsführerin des Informationszentrums Mobilfunk e.V. (IZMF), zu den Zielen des Schulprojekts Mobilfunk
Berlin | 10.04.2006

Das Schulprojekt Mobilfunk bietet Lehrerinnen und Lehrern umfangreiche Materialien zum Thema Mobilfunk. Mit den pädagogisch anspruchsvollen und fachlich seriös aufbereiteten Heften und Arbeitsblättern will der Verein zum verantwortlichen Umgang mit mobiler Kommunikation und neuen Technologien anregen.

Frau Wiebusch, inwiefern ist das Thema Mobilfunk für Jugendliche von Bedeutung?

Wiebusch: Mobile Kommunikation ist eine Schlüsseltechnologie, die unseren Alltag laufend verändert. Dabei geht es nicht nur um die Möglichkeit, flexibler kommunizieren zu können. Unter Jugendlichen hat sich eine ganz neue Form der Gesprächskultur entwickelt: Die Kommunikation per Handy hat einen hohen Stellenwert. Unter den 11 und 12-Jährigen besitzt inzwischen jeder Zweite ein eigenes Handy. Und bei den 13- bis 17-Jährigen sind es rund achtzig Prozent. Das ist eine Realität, mit der man sich auseinandersetzen sollte.

Wie verändert das Handy den Alltag von Jugendlichen konkret?

Wiebusch: Der gesamte Sprach- und Schreibstil hat sich durch Chatten, Simsen und Telefonieren erheblich gewandelt. Zudem ändern sich Kommunikations- und Sozialverhalten. Vieles was früher mündlich und im persönlichen Gespräch erfolgte, wird heute per Handy erledigt: Verabredungen, Flirts, Urlaubsgrüße – dem Einsatz sind kaum Grenzen gesetzt. Kinder und Jugendliche organisieren mit dem Handy ihren Freundeskreis. Denn anders als früher spielt sich das Leben von Schülerinnen und Schülern längst nicht mehr nur in der direkten Nachbarschaft ab. Das wird erleichtert dadurch, dass sich Jugendliche das Telefon nicht mehr mit den Eltern teilen müssen. Sie sind die erste Generation, die mit dem eigenen Gerät aufwächst.

Im Schulalltag erleben viele Lehrerinnen und Lehrer das Handy als Stressfaktor: Klingeln und Simsen stören den Unterricht.

Wiebusch: Das ist ein wichtiger Aspekt! Es gibt Orte, an denen Handys nichts zu suchen haben. Der Klassenraum gehört in der Regel dazu. Aber auch in Kinos, Konzertsälen oder Kirchen sollten polyphone Klingeltöne und lautstarke Telefongespräche tabu sein. Wichtig ist es, dass Kinder und Jugendliche Regeln im Umgang mit Mobilfunkgeräten erlernen und sich damit auseinandersetzen, wie mobile Kommunikation und soziales Verhalten zusammenpassen. Mit unseren Unterrichtsmaterialien wollen wir Anstöße geben, wie eine Auseinandersetzung über den verantwortlichen Umgang mit mobiler Kommunikation im Unterricht stattfinden kann.

Beim Schulprojekt Mobilfunk setzen Sie auf stärkere Information und Aufklärung zum Thema mobile Kommunikation an Schulen, warum?

Wiebusch: Das Thema Mobilfunk wird – anders als Computer und Internet – im Unterricht bislang selten behandelt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass keine aktuellen Lehr- und Lernmaterialien zu dieser sich rasch fortentwickelnden Technologie vorhanden sind. Das Schulprojekt Mobilfunk möchte dazu beitragen, diese Informationslücke zu schließen. Wir bieten Lehrerinnen und Lehrern Unterrichtshefte für die Klassen 5–8 sowie fächerübergreifende Arbeitsblätter. Materialien für die Grundschule sind in der Vorbereitung. In den Materialien werden individuelle und gesellschaftlich relevante Auswirkungen von Mobilfunk behandelt – zugeschnitten auf die Lebenswelt der Jugendlichen und in Abstimmung mit den Rahmenplänen.

Ein Thema in der allgemeinen Diskussion sind derzeit Handy-Schulden von Jugendlichen. Werden auch problematische Aspekte von Mobilfunk behandelt?

Wiebusch: Sie gehören sogar unbedingt dazu! Es reicht nicht, nur über den persönlichen und gesellschaftlichen Nutzen von Mobilfunk zu informieren, auch Problemfelder müssen thematisiert und Lösungsansätze diskutiert werden. Schülerinnen und Schüler sollen sich Perspektiven und Grenzen mobiler Kommunikation bewusst machen. Das gilt auch für das Thema Schulden. Manche Jugendliche unterschätzen ihre Verantwortung im Umgang mit Handy-Kosten. Deshalb haben wir eine Unterrichtseinheit entwickelt, mit der erarbeitet werden kann, wie sich Handy-Kosten kontrollieren lassen. Weitere kontroverse Themen, die in den Materialien thematisiert werden, sind beispielsweise Umwelt- und Datenschutz oder die Diskussion um Mobilfunk und Gesundheit.

Die öffentliche Diskussion um eine mögliche Gesundheitsgefährdung durch Mobilfunk verunsichert manche Menschen. Was sagen Sie beispielsweise Eltern oder Lehrern?

Wiebusch: Gerade Eltern oder Lehrer fragen sich, ob von der neuen Mobilfunktechnologie neben dem persönlichen Nutzen auch eine Gefahr für die eigene Gesundheit oder die der Kinder ausgehen kann. Nach allem, was wir heute wissen, hat der Mobilfunk, bei Einhaltung der gesetzlichen Grenzwerte, keinen Einfluss auf unsere Gesundheit. Zahlreiche qualifiziert und ausgewogen besetzte Expertengremien bewerten weltweit in regelmäßigen Abständen den aktuellen Forschungsstand und prüfen, ob sich daraus ein Änderungsbedarf für die gültigen Schutzkonzepte ergibt. Wir bieten mit unseren Materialien für Schulen, aber auch mit anderen Publikationen wie beispielsweise der Broschüre „Mobilfunk und Gesundheit – eine Information für Eltern“, jedem die Möglichkeit, sich sein eigenes Bild über Mobilfunk und mögliche Einflüsse auf die Gesundheit zu verschaffen.

Wie lässt sich das Thema Mobilfunk im Unterricht umsetzen?

Wiebusch: Im Fach Deutsch kann man alte und neue Kommunikationsformen untersuchen. Im Themenheft „Text digital“ geht es zum Beispiel um SMS-Kurznachrichten und die „Poesie der 160 Zeichen“. In Sozialkunde bieten sich Mobilfunk und Handynutzung an, um Mediennutzung, Verbraucherrecht, Umweltschutz, Veränderungen in der Arbeitswelt und gesellschaftliche Meinungsbildung zu thematisieren. Das Themenheft „Mensch und Mobilfunk“ greift all diese Aspekte auf und entwickelt umfassenden Lehrstoff zu diesen Themenfeldern. Und schließlich kann man das Thema Mobilfunk fachübergreifend behandeln. Dazu haben wir das Projektheft „Mensch, Medien, Umwelt“ entwickelt, das eine Vielzahl von Vorschlägen bietet zur Erarbeitung eines eigenverantwortlichen Umgangs mit medialen Einflüssen wie Mediennutzung und Werbung sowie mit Umwelteinflüssen wie Lärm und elektromagnetische Felder. Ebenso fächerübergreifend lässt sich das Projektheft „Mobilfunk und Technik“ einsetzen, das die Mobilfunktechnologie anschaulich erklärt und mit vielen Experimenten nachvollziehbar macht.

Wie sind die Unterrichtshefte aufgebaut?

Wiebusch: Auf je 40 Seiten enthalten die Hefte Anregungen für die Unterrichtsgestaltung, Sachinformationen, didaktische Hinweise und Arbeitsblätter. Jeweils ein bis zwei Doppelseiten behandeln ein Thema. Die Aufgaben und Infotexte sind so formuliert, dass sie sich eins zu eins im Unterricht umsetzen lassen. Illustrationen, Fotos und Grafiken bieten zusätzliche Informationen. Alle Hefte wurden inhaltlich und didaktisch in enger Zusammenarbeit mit Pädagogen entwickelt.

Ist der Einsatz von Mobilfunk an Schulen zur Verbesserung der technischen Infrastruktur denkbar?

Wiebusch: In den Schulen erfolgt der Zugang zum Internet bislang nahezu ausschließlich über das Festnetz und die Klassen müssen in der Regel den Raum wechseln, wenn sie am Computer arbeiten wollen. Künftig sorgen technische Innovationen wie UMTS und W-LAN dafür, dass der Internetzugang mobil, per Handy oder Computer, in jedem Klassenzimmer geschehen kann. Das wird zu einer verstärkten Nutzung multimedialer Lehr- und Lernformen beitragen. Für die Materialien vom Schulprojekt Mobilfunk gilt aber: Alle Themen und Aufgaben lassen sich auch ohne die Nutzung eines einzigen Handys im Unterricht behandeln.

Wo können Interessierte die neuen Materialien bestellen?

Wiebusch: Die kostenlosen Unterrichtshefte können im Internet unter www.schulprojekt-mobilfunk.de heruntergeladen oder direkt bei uns bestellt werden. Die Arbeitsblätter gibt es per Download im Internet.

Bestelladresse für Unterrichtsmaterialien
Informationszentrum Mobilfunk e.V.
Redaktion Schulprojekt Mobilfunk
Hegelplatz 1
10117 Berlin-Mitte
Telefon: (0 30) 209 16 98-26
Telefax: (0 30) 209 16 98-11
E-Mail: redaktion@schulprojekt-mobilfunk.de

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